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Write it your way: „Scrivener“

„Write it your way“ ist unsere neue „Tech-Reihe“ mit dem Autorenduo Stiller & Stiller. Als eingefleischte Selfpublisher haben die beiden schon das ein oder andere Schreibprogramm getestet. Heute geht es um das kostenpflichtige Programm „Scrivener“.


Wer viel schreibt, verbringt viel Zeit vor dem Bildschirm. Allein aus diesem Grund lohnt es sich, Ausschau nach dem „Richtigen“ zu halten. Neben dem Wohlfühlfaktor ist vor allem die eigene Arbeitsweise entscheidend – und die sollte von einer Schreibsoftware möglichst gut unterstützt werden. In den  kommenden Gastbeiträgen geben wir, Barry und Dana Stiller, euch einen Überblick, stellen verschiedene Konzepte vor und fassen unsere Erfahrungen in einer Miniserie zusammen.

Auf der Suche nach Autorensoftware stößt man schnell auf das Programm Scrivener. Auf dem Mac ist es so etwas wie der Platzhirsch, für Windows ist Scrivener seit einigen Jahren erhältlich. Wir haben unseren Roman BLUT zum größten Teil mit diesem Programm geschrieben und die meisten Höhen und Tiefen kennengelernt.

Ausschnitt aus Scrivener. Beispiel Textdarstellung
Scriveners Textdarstellung ist schön, wenn der Roman nicht zu umfangreich ist

Nachdem Scrivener installiert ist, kann man es 30 Tage nutzen, danach muss man eine Seriennummer kaufen. Wir finden solche Lizenzmodelle grundsätzlich gut, weil keine Internetverbindung nötig ist, und der Schlüssel auch noch funktioniert, wenn es die Firma nicht mehr gibt. Dass man für Mac und Windows zwei getrennte Lizenzen kaufen muss, finden wir allerdings weniger benutzerfreundlich. Die Windows-Version soll auch unter Linux laufen, was wir nicht getestet haben. Eine dezidierte Linux-Version gibt es nicht. Wegen der Lizenzpolitik betrachten wir natürlich nur die Funktionen, welche auf der getesteten Plattform zur Verfügung stehen.

WYSIWYG – What you see is what you get

Scrivener gelingt es weitgehend, den Text so darzustellen, wie er im Druck aussehen wird. Wer einen Teil oder auch das ganze Buch anwählt, bekommt es auch als einen Fließtext angezeigt. Das kann aber dauern (siehe Fazit). Die Szenengrenzen werden dezent durch eine gestrichelte Line markiert. Formatvorlagen werden durch das Kopieren formatierter Texte generiert – sehr bequem, und es funktioniert gut. Wer Sachbücher schreibt, kann Tabellen direkt in den Text einbauen, das Gleiche gilt für Bilder.

Formatvorlagen bei Scrivener
Die Formatvorlagenverwaltung ist ein Highlight von Scrivener

Kommentare und Fußnoten lassen sich direkt im Texteditor setzen. Diese werden in einer Liste gesammelt, sodass man diese Marken direkt anspringen kann. Inline-Kommentare und Inline-Fußnoten kann man direkt in den Text schreiben, allerdings werden sie nicht gelistet, sodass man sie nur durch Scrollen wiederfindet – schade. Des Weiteren lassen sich Textstellen mit farbigen Markern hervorheben.

Inline-Kommentare bei Scrivener
Inline-Kommentare (Hemdchen) sind nur durch Scrollen auffindbar

Ordnung und Übersicht schafft der Inspector, die Szenenliste. Keine andere szenenbasierte Software löst das nach unserem Geschmack so gut wie Scrivener. Neben einer Zusammenfassung und dem Bearbeitungsstand werden statistische Werte und ein schnell zu erfassender Fortschrittsbalken für die geöffneten Ordner (Kapitel) angezeigt. So hat man sein Projekt immer im Griff und sieht auf einen Blick, wo noch Arbeit angesagt ist.

Ordnung schaffen

Flexibilität verspricht auch der Layout-Manager. Per Mausklick lässt sich die aktuelle Darstellung abspeichern und benennen, was auch durch einen kleinen Screenshot angezeigt wird. Allerdings ist die Enttäuschung beim Aufruf eines Layouts groß, denn der Manager speichert nur Fensteraufteilung und Position und nicht die Ansicht der Kapitel und Szenen. Im Inspector wäre das eine erhebliche Erleichterung, denn man könnte beispielsweise Layouts für den Protagonisten abspeichern oder nur die Szenen, welche in der Nacht spielen aufklappen und speichern.

Bildausschnitte von Scrivener Inspector
Scriveners Inspector ist eindeutig das Prunkstück des Programmes

Der ideale Partner zu einer guten Szenenliste ist eine Timeline, welche die Handlungsstränge anzeigt und ein wichtiges Plotting-Werkzeug ist. Hier muss Scrivener leider vollständig passen. Ebenso fehlen dem Programm jegliche Datenbankfunktionen. Es gibt also keine Figuren-, Schauplatz- oder Objektverwaltung. Auch Recherchehilfsmittel sind nicht vorhanden. Somit wird das Plotten in einem anderen Programm stattfinden müssen.

Exportweltmeister

Bildausschnitt der Scrivener Exportfunktion
Die Exportfunktionen von Scrivener sind umfangreich und praxisgerecht

Eine weitere Stärke von Scrivener hingegen liegt in seinen Exportmöglichkeiten. Praktisch alle gängigen Textformate, von RTF über DOC/DOCX und LibreOffice (odt), werden bedient. Wer rein digital bleiben will, kann HTML/XHTML, ePub und mobi wählen. Natürlich geht auch reiner Text und der Druck in ein PDF/PostScript. Der Export beinhaltet auch einige Formatierungsfunktionen wie das Umwandeln von Anführungszeichen und andere Ersetzungen. Besonders gefallen hat uns die Möglichkeit, eigene Papiergrößen anlegen und Seitenränder ändern zu können, bevor exportiert wird. Natürlich lassen sich hier auch formatierte Kopf- und Fußzeilen konfigurieren. So kommt man nahe an ein gedrucktes Endergebnis heran und muss nur wenig nacharbeiten.

Fazit

Bildbeispiel von Scrivener
Mit dickeren Romanen hat Scrivener viel zu berechnen

What-You-See-Is-What-You-Get trifft bei Scrivener sowohl im Positiven wie im Negativen zu. Zum einen ist die Oberfläche sehr aufgeräumt, übersichtlich und weitgehend konfigurierbar, zum anderen kommen die Schwierigkeiten recht schnell ans Licht. Mag Scrivener auf dem Mac in der Version 3.0 noch so ausgereift sein, die Windows Version 1.9 ist es nicht wirklich.

Was bei BLUT auf den ersten hundert Seiten wenige Sekunden gedauert hat, war gegen Ende manchmal ein Sache von Minuten – man wartet auf Scrivener, je nachdem wie lange das Programm am aktuellen Abschnitt die Formatierung berechnet. Zur Einordnung unserer Erfahrungen: Wir haben auf vier 3GHz-DualCore-PCs mit je 8GB Arbeitsspeicher und zwei Notebooks mit je 4GB RAM an BLUT gearbeitet, anfangs unter Windows 7, später Windows 10. Das ist keine Highend-Ausstattung, doch es reicht für flüssige Videobearbeitung. Eine Textverarbeitung sollte normale Office-PCs nicht wirklich belasten können. Scrivener tut es. Zwar gibt es seit zwei (!) Jahren Version 3-Betas, die laufen aber ab und sind nicht besonders stabil.

 

Bildausschnitt Scrivener (Keine Rückmeldung)
Wer mit längeren Texten arbeitet wird oft genervt

Leider fehlen Scrivener auch einige Funktionalitäten, die man von einer Autorensoftware erwartet, zumindest von einer kommerziellen. Es gibt keine Timeline, keine Recherchefunktionen, keine Figuren- oder Location-Datenbank und keine Projektverwaltung, außer den üblichen Backupfunktionen. Manch gute Idee, wie der Layout-Manager, ist leider schlecht umgesetzt.

Auf der Habenseite kann Scrivener eine hübsche Optik, Übersichtlichkeit und eine gute Konfigurierbarkeit für sich verbuchen, ein nicht zu unterschätzender Motivationsfaktor. Das trifft sowohl auf die formatierte Textdarstellung mit Tabellen und Bildern wie auch auf den sehr übersichtlichen Inspector zu. Ein Highlight sind die Exportfunktionen in viele Dateiformate, sogar die Einstellung eigener Seitengrößen funktioniert. Interessant ist auch die Möglichkeit, Erweiterungen von Fremdherstellern zu nutzen. So gibt es mit Aeon eine hervorragende Timeline, die allerdings so viel kostet wie Scrivener alleine.

Hard Facts

Scrivener kostet für den Mac 53 Euro, für Windows 49 Euro inklusive Update auf Version 3.0, welche in 2020 endlich erscheinen soll. Angesichts des Gebotenen geht das in Ordnung, an der Performance muss aber noch gearbeitet werden. Wer 200 Seiten nicht überschreiten will, wird davon kaum etwas merken und kann sich an einfacher Bedienung und schönem GUI freuen. Wer lange Romane schreibt, sollte Geduld mitbringen und bereits ein gutes Plottingtool besitzen.

Webseite: www.literatureandlatte.com

What’s next? Hier findet ihr einen Überblick über die kommenden Beiträge und Programme:

Write it your way: Schreibsoftware im Vergleich


Zu den Autoren

Während der Studienzeit in Köln, begannen Dana und Barry die Arbeit an ihrem ersten gemeinsamen Roman INFORMIUM – Tödliches Experiment. Es folgte mit GREEN MAMBA – Schatten des Todes ein DDR-Thriller, der 2018 auf die Shortlist für den Indie Autor Preis der Leipziger Buchmesse kam. Aktuell arbeiten  Stiller & Stiller an der archäologischen Krimireihe Ein Fall für Peter Conrad.

Stiller und Stiller

Dana Stiller studierte Ägyptologie und Frühgeschichte, sowie die Archäologie Mesoamerikas und Keltische Sprachen. Es folgte ein Mathematik- und Anglistikstudium. Barry Stiller ist Journalist und arbeitete nach der Zeit bei einem privaten TV-Sender als Redakteur für Publikumszeitschriften in München. Danach schrieb er für ein Musikermagazin in Köln. Ende der 90er Jahre studierte er Ur- und Frühgeschichte und mesoamerikanische Archäologie.
Stiller und Stiller

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