Write it your way: „yWriter“

„Write it your way“ ist unsere neue „Tech-Reihe“  mit dem Autorenduo Stiller & Stiller. Als eingefleischte Selfpublisher haben die beiden Autoren schon das ein oder andere Schreibprogramm getestet. Heute geht es um das Gratisprogramm „yWriter“.


Wer viel schreibt, verbringt viel Zeit vor dem Bildschirm. Allein aus diesem Grund lohnt es sich, Ausschau nach dem „Richtigen“ zu halten. Neben dem Wohlfühlfaktor ist vor allem die eigene Arbeitsweise entscheidend – und die sollte von einer Schreibsoftware möglichst gut unterstützt werden. In den  kommenden Gastbeiträgen geben wir, Barry und Dana Stiller, euch einen Überblick, stellen verschiedene Konzepte vor und fassen unsere Erfahrungen in einer Miniserie zusammen.

 

Einzelne Szenen oder ganze Akte?

Während die eine ihr Buch lieber in Form eines einzigen langen Textes verfasst, schreibt der andere seinen Roman eher wie ein Drehbuch in einzelnen Szenen. Falls ihr euch nicht sicher seid oder euch mit eurem Schreibprogramm nicht hundertprozentig wohl fühlt, solltet ihr den jeweils anderen Weg vielleicht einmal ausprobieren. Die individuelle Herangehensweise ist wichtig und beeinflusst nicht unwesentlich das Endprodukt. Bei uns beispielsweise existieren diese beiden Philosophien selbst innerhalb eines Buchprojektes stets nebeneinander, bevor sie endgültig zusammengeführt werden.

Die typische Arbeitsoberfläche eines szenenorientierten Schreibprogrammes (hier yWriter)

 

Während das Schreiben von Texten in einer herkömmlichen Textverarbeitung wohl jedem vertraut ist, verlangt die Arbeit mit szenenbasierten Programmen ein gewisses Umdenken. Wer sich darauf einlässt, gewinnt besonders beim Plotten und Arrangieren einzelner Textabschnitte Übersicht und Flexibilität. Während eine ’normale‘ Textverarbeitung, wie Word oder LibreOffice mit einem einzigen großen Text hantiert, arbeiten szenenorientierte Programme mit kurzen Textabschnitten (Szenen), die in einem Inhaltsverzeichnis aus Kapiteln und Szenen organisiert sind. Erst, wenn man sein Werk exportiert, wird aus diesen Szenen eine große Datei, welche sich in einem Satzprogramm oder einer anderen Textverarbeitung weiter verarbeiten lässt (z.B. um die für ein gedrucktes Buch notwendige Paginierung zu machen).

 

Was sind die Vorteile?

Die Vorteile liegen auf der Hand: Szenen oder ganze Kapitel lassen sich einfach an eine andere Position ziehen, das Einfügen, Ändern und Löschen von Textteilen ist simpel und beansprucht auch leistungsschwache Computer kaum, weil immer nur kleine Dateien bearbeitet werden. Jeder, der schon einmal versucht hat, mit einem Officeprogramm ein 500-Seiten-Dokument intensiv zu bearbeiten, weiß recht schnell, was ein Programmabsturz ist…

Ein weiterer Vorteil solcher szenenbasierter Autorenprogramme sind die Zusatzfunktionen, welche herkömmliche Textverarbeitungen nicht bieten, die aber unsere Arbeit erheblich produktiver machen. Dazu gehören einfache Datenbanken für Figuren und Schauplätze, diverse Statistikfunktionen (Wortzählung für Szenen, den gesamten Text, tägliche Schreibleistung und Ziel- bzw. Terminvorgaben) und irgendeine Verwaltung für Notizen oder nicht verwendete Textteile. Einige kostenlose Programme verfügen sogar über einfache Storyboards und Recherchefunktionen.

Den einzigen ‚Nachteil‘ der meisten szenenorientierten Autorensoftwares wollen wir auch nicht verschweigen: wenn ihr euren Text an einem Stück bearbeiten wollt, müsst ihr ihn erst exportieren, was in der Regel aber nur wenige Sekunden dauert und erst bei der endgültigen Formatierung des Romans für eine Druckversion wirklich nötig ist. Eine eBook-Version lässt sich fast immer direkt aus dem Schreibprogramm erstellen. Allerdings muss man sagen, dass die kostenlosen Programme – um die es in diesem Blogbeitrag geht – immer eine Nacharbeit erfordern. (Die kommerziellen Programme, welche wir in weiteren Beiträgen behandeln, liefern teilweise perfekte Resultate auf Knopfdruck.)

 

Gewogen und für zu leicht befunden

Da wir wissen, dass nicht alle AutorInnen gleich ticken und das, was für uns untauglich ist, für andere eine Alternative sein kann, wollen wir euch in Stichworten die kostenfreien Programme nennen, die aus den verschiedensten Gründen durch unser Raster gefallen sind (Achtung: subjektiv!):

  • Manuskript (theologeek.ch): Umfangreiches, gut strukturiertes Open-Source-Programm, welches es in unsere Favoriten geschafft hätte, wenn es im jetzigen Stadium nicht so instabil wäre. Wir warten auf eine 1.0-Version.
  • Plume Creator: Einen Blick wert, etwas altbacken und bei uns nicht immer stabil
  • FreeWriter (nicht Freewrite!): Brauchbarer Funktionsumfang, aber in der Bedienung extrem hakelig
  • zu geringer Funktionsumfang: Write Monkey, Quoll Writer, Gingko, SmartEdit, UV Outliner, Nulis, Page Four
  • OStorybook: Beeindruckender Funktionsumfang, aber leider ein instabiles Java-Konstrukt mit irritierenden Darstellungsfehlern

 

yWriter – umfangreiches Schreibprogramm mit kinderleichter Bedienung

Mit yWriter (damals noch in der Version 4) sind Teile unserer beiden Romane DIE ERSTEN und GREEN MAMBA entstanden. Als besonders einfach und effektiv hat sich das Programm bei der Storyentwicklung erwiesen. Die linke Seite des Hauptfensters nimmt das Kapitelverzeichnis ein. Darunter gibt es jeweils eine Zusammenfassung des markierten Kapitels. Jedem Kapitel lassen sich beliebig viele Szenen zuordnen, welche in der rechten, oberen Hälfte angezeigt werden. Per Drag & Drop könnt ihr Szenen aus dem rechten Fenster, der Szenenliste, direkt in ein anderes Kapitel ziehen. Dabei zeigt das Kapitelverzeichnis immer an, wie viele Szenen es enthält, zählt die enthaltenen Worte und kumuliert deren Gesamtzahl. Zusätzlich lässt sich der Roman farbig in drei Sektionen unterteilen.

In yWriter lassen sich beliebig viele Szeneneditoren öffnen.

Geschrieben wird im Szeneneditor, den man durch Doppelklick auf eine Szene in der Szenenliste aufruft. Wer die Übersicht behalten kann, darf beliebig viele Editoren öffnen, und das Hauptfenster mit Figuren- und Location-Datenbank bleibt funktionsfähig. Das bieten die meisten kommerziellen Programme nicht!

Ein Blick auf die Reiter im Editorfenster und dem Hauptfenster vermittelt euch eine Ahnung, wie umfangreich ihr einzelne Szenen kommentieren und konfigurieren könnt. Zu jeder Figur, jedem Gegenstand, jedem Schauplatz und natürlich jeder einzelnen Szene könnt ihr ein Bild einbauen. Es lassen sich hinterlegte Charaktere, Objekte und Locations im Text hervorheben, Ratings, Ziele und Bearbeitungsstand zu jeder Szene festlegen und einfache Formatierungen machen.

Zu jedem Gegenstand, Charakter oder Schauplatz lassen sich Textinfos und ein Bild abspeichern

 

Komplettiert wird das Programm durch diverse Werkzeuge wie umfangreiche Backup-Funktionen, diverse Statistiken zu Wortwiederholungen, Schreibzielen und eine filterbare Szenenliste. Eine Grammatikprüfung, Duden-Lizenz oder gar eine Stilanalyse darf man nicht erwarten; eine einfache Rechtschreibprüfung über frei erhältliche und editierbare Wörterbücher gibt es aber immerhin.

Mit den letzten Versionen sind auch die Exportmöglichkeiten recht komfortabel geworden. Egal, ob HTML, RTF (Gesamtdatei oder eine Datei für jede Szene), LaTeX oder Mobi/Epub, ein Format, welches man im Editor der Wahl weiter bearbeiten kann, ist auf jeden Fall dabei. Zudem lassen sich Spezialexporte wie Szenenbeschreibungen, Notizen oder Figuren erstellen. Wenn es einen Teil gibt, den man als Autor von gedruckten Büchern vermisst, dann ist es eine Implementierung von Formatvorlagen. Wer ausschließlich elektronisch publiziert, wird wahrscheinlich das Einbetten von Titelbildern vermissen. Was yWriter nicht bietet, sind Recherchefunktionen, die über eine Notizensammlung hinausgehen.

Sogar ein einfaches, nach Viewpoints getrenntes Storyboard bietet yWriter.

 

Viele Dinge wie beispielsweise die Lauffähigkeit vom USB-Stick, die iOS- und Android-Versionen oder die Backup-Funktionen würden hier den Rahmen sprengen. Fest zu halten bleibt: yWriter ist das richtige Programm, um das szenenbasierte Plotten und Schreiben auszuprobieren. Es läuft auf allen getesteten Rechnern ultra-stabil (auch auf unseren alten Netbooks), flüssig und ist leicht zu durchblicken und intuitiv bedienbar.

Unser Fazit: yWriter ist das mit Abstand beste kostenlose Autorenprogramm für szenenorientiertes Plotten und Schreiben. Wegen seiner simplen und platzsparenden Benutzeroberfläche ist es auch hervorragend für mobile Computer geeignet.

Webseite: www.spacejock.com

 

What’s next? Hier findet ihr einen Überblick über die kommenden Beiträge und Programme:

Write it your way: Schreibsoftware im Vergleich


Zu den Autoren

Während der Studienzeit in Köln, begannen Dana und Barry die Arbeit an ihrem ersten gemeinsamen Roman INFORMIUM – Tödliches Experiment. Es folgte mit GREEN MAMBA – Schatten des Todes ein DDR-Thriller, der 2018 auf die Shortlist für den Indie Autor Preis der Leipziger Buchmesse kam. Aktuell arbeiten  Stiller & Stiller an der archäologischen Krimireihe Ein Fall für Peter Conrad.

Stiller und Stiller

Dana Stiller studierte Ägyptologie und Frühgeschichte, sowie die Archäologie Mesoamerikas und Keltische Sprachen. Es folgte ein Mathematik- und Anglistikstudium. Barry Stiller ist Journalist und arbeitete nach der Zeit bei einem privaten TV-Sender als Redakteur für Publikumszeitschriften in München. Danach schrieb er für ein Musikermagazin in Köln. Ende der 90er Jahre studierte er Ur- und Frühgeschichte und mesoamerikanische Archäologie.
Stiller und Stiller

Letzte Artikel von Stiller und Stiller (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.