Lebendige Geschichte – aber wohin mit den vielen Fakten?

Wo zieht man als Autor die Grenze zwischen Faktentreue und Fiktion? Beim Autorenforum auf der Leipziger Buchmesse erzählt Autorin Marita Spang aus ihren Erfahrungen der Recherche für historische Romane (Eventplan). In diesem Beitrag gibt sie schon einen ersten Einblick in den Balanceakt zwischen Unterhaltung und Historientreue.

Tipps zum Umgang mit Recherchedaten in historischen Romanen

 

Die Herausforderung

Der historische Roman wird schon seit vielen Jahren tot gesagt – und dennoch gibt es immer noch eine große Leserschaft, die es zu begeistern gilt. Etliche Leserinnen und Leser sind durch ihre große Erfahrung mit diesem Genré mittlerweile sogar zu echten Experten für bestimmte Perioden unserer Geschichte geworden.

Für eine Autorin wie mich, die sich auf dieses Genre spezialisiert hat, stellte sich von Anfang an die Frage, welche Art des historischen Romans man in der großen Bandbreite anstrebt, die sich heute auf dem Markt wiederfindet. Da gibt es die eher modern anmutende fiktive Geschichte der handelnden Personen, die sich lediglich vor einer mehr oder weniger gut recherchierten historischen Kulisse abspielt. Da gibt es aber auch das Gegenteil: Bücher, die den Leser mit einer Fülle historischer Detaildaten geradezu erschlagen.

Wo liegt da die Mitte? Wie entsteht ein Roman, der die Leserin fesselt und sie gut unterhält, aber dennoch ein authentisches Bild der Zeit vermittelt, in der das Buch spielt?

Eine ganz entscheidende Rolle spielt dabei, wie man die Fülle der historischen Fakten, die es heutzutage aus jeder Zeitperiode gibt, in Buchform verarbeitet. Die erste Frage, die sich mir beim Entwerfen eines Plots daher stellt, ist, ob ich anhand fiktiver Hauptpersonen das Zeitgeschehen lebendig machen möchte oder ob ich das Leben einer historischen Persönlichkeit nachstellen will. Beide Arten eines Buches erfordern unterschiedliche Herangehensweisen bei der Verarbeitung von Recherchedaten:

 

Darstellung des Zeitgeschehens im Mittelpunkt

Geht es, wie in meinen Romanen „Hexenliebe“ und „Blut und Seide“ in erster Linie um das Zeitgeschehen, ist zu überlegen, wie man seine fiktiven Hauptfiguren in wesentliche Ereignisse dieses Geschehens einbauen kann. Vieles, was uns die Historie bietet, könnte man als Autorin ohnehin nicht besser erfinden oder es würde sogar als unglaubwürdig angesehen werden. Schauen wir uns ein Beispiel an:

Simon von Montfort, meine Hauptfigur aus „Blut und Seide“, musste ich in die historisch belegten Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen König Rudolf von Habsburg und seinem großen Widersacher Ottokar II von Böhmen lediglich hinein platzieren. Dass zum Beispiel Rudolf von Habsburg den ihm in prächtiger Kleidung huldigenden Ottokar auf dem Hoftag zu Wien im Jahr 1276 in abgetragener, schmuddeliger Kleidung empfing, um ihn zu demütigen, hätte ich mir nicht besser ausdenken können. Das mögliche Empfinden der historischen Zeitgenossen über Rudolfs Affront kann ich dann meine fiktiven Personen erleben lassen.

Komplexe historische Zusammenhänge, deren bloße narrative Darstellung den Leser ermüden würde, stelle ich am liebsten in Dialogform dar. Eins meiner Lieblingsbeispiele für einen solchen Dialog ist der Disput meiner fiktiven Hauptfigur Claudia von Leuchtenberg mit einem fanatischen Jesuiten über die Unsinnigkeit des sog. Hexereikonstrukts in „Hexenliebe“.

 

Historische Persönlichkeit im Mittelpunkt

Schwieriger ist die Verarbeitung von Recherchedaten bei der Nachzeichnung des wahren Lebens einer historischen Persönlichkeit. Hier bedarf es eines Spagats zwischen der authentischen Darstellung von Kernereignissen im Leben der Hauptfiguren und der Zusammenfassung einer Fülle, oft im Einzelnen unbedeutender Geschehnisse, die dennoch historisch gut dokumentiert sind.

Ein Beispiel aus meinem jüngsten Roman „Die Frauenburg“: Kurfürst Balduin von Trier, ein ganz ausgeprägter Machtmensch, war während seines Lebens an ungefähr fünfzig verschiedenen Fehden beteiligt. Loretta von Starkenburg-Sponheim, meine historische weibliche Hauptfigur, war häufig seine Verbündete. Aus der Fülle des vorliegenden Materials habe ich mir daher die beiden Fehden exemplarisch herausgesucht, die die dramaturgisch spannendsten Momente enthielten.

Chronologisch passten genau diese Fehden jedoch nicht in den im Roman geschilderten Zeitablauf der Beziehung zwischen Loretta und Balduin. Also habe ich mir hier die schriftstellerische Freiheit erlaubt, diese Ereignisse zeitlich umzuordnen. Der Leser möchte unterhalten werden und etwas über das Wesen der Zeit und den Charakter der historischen Persönlichkeiten erfahren, kein trockenes Sachbuch über zeitlich korrekte Fakten studieren.

Natürlich kläre ich in jedem Nachwort meiner Romane darüber auf, was historisch korrekt geschildert wurde und was Fiktion ist. Das muss ich allerdings auch schon deshalb tun, weil die echte Historie mir sonst womöglich als übertriebene Fiktion ausgelegt werden könnte. Denn die Realität ist oft unglaublicher als die Phantasie.

 

Die Nutzung von Lesungen zur Vermittlung von Hintergrundwissen

Trotz dieser schriftstellerischen Kniffe bleibt eine Fülle historischer Fakten übrig, die innerhalb des Romans keine oder nur eine indirekte Verwendung finden.

Und unabhängig davon, ob das Zeitgeschehen oder die historische Persönlichkeit im Fokus stehen, gibt es auch immer wieder Szenen, in denen die Handlung an sich wesentliche Züge der Zeit widerspiegelt.

Da wird die adlige Christina von Katzenellnbogen in „Blut und Seide“ regelmäßig von ihrem Gatten verprügelt. Da wird Loretta von Starkenburg-Sponheim zu Beginn ihrer Regentschaft von keinem männlichen Nachbarn ernst genommen. Dramaturgische Spannungsmomente? Keineswegs!

In solchen Szenen spiegelt sich ebenfalls der Zeitgeist wieder oder sie sind sogar historisch authentisch. Eine Lesung bietet daher die perfekte Möglichkeit, im Roman noch ungenutzte Recherchedaten zu verwenden.

Wenn ich also solche Szenen in meine Lesungen aufnehme, gibt es im Anschluss daran immer eine kleine Präsentation mit den wahren historischen Hintergrundfakten, auf denen diese (durchaus fiktiven) Szenen beruhen. Mein Auditorium hat mir immer wieder rückgemeldet, dass es genau diese Elemente sind, die meine Lesungen spannend machen. Die Szenen könnte man ja auch nachlesen, die Aufbereitung der perfekt dazu passenden Hintergrunddaten jedoch nicht.

Ich empfehle jedoch, über diese Fakten nicht nur zu mündlich berichten, da dies das Publikum eher ermüdet, sondern sie z.B. mithilfe einer PowerPoint-Präsentation auch zu visualisieren. Zumal man darin auch wunderbar Portraits der handelnden Personen, Abbildungen oder Fotos der Schauplätze oder andere Elemente mit aufnehmen kann, die dazu beitragen, Geschichte lebendig werden zu lassen.


Marita Spang hat in Psychologie promoviert und arbeitet heute als selbstständige Beraterin überwiegend in der freien Wirtschaft. Sie ist Jahrgang 1959 und wuchs in Trier auf. Heute lebt sie in einem Weinort nahe Bingen am Rhein. Die Historie ist ihre ganz große Leidenschaft. „Die Frauenburg“ ist nach „Blut und Seide“ und „Hexenliebe“ ihr dritter historischer Roman. Für „Hexenliebe“ erhielt sie den HOMER-Preis 2015 für den besten historischen Roman in der Kategorie „Beziehungen und Gesellschaft“. Mehr Informationen: maritaspang.de

Marita Sprang ist zudem auf der Leipziger Buchmesse bei einem unserer Panel anzutreffen.

Gastautor

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