Tobias Zeising

5 Fragen an … Tobias Zeising

Wie sieht sie aus die deutschsprachige Buchblogosphäre? Diese Frage haben wir Tobias Zeising gestellt, der seit über zwei Jahren Toplisten der erfolgreichsten Buchbloggern und aktuelle Analysen erstellt.

Blogger-Vernetzung nach Tobias Zeising1 | In Ihrem Blog Lesestunden analysieren Sie, wie Buchblogger vernetzt sind, woher sie kommen, wer sie sind und wie ihr Leseverhalten ist. Wie sieht sie aktuell aus, die Literaturblogger-Szene in Deutschland?

Die Literaturszene besteht primär aus Bloggerinnen, die …

… untereinander sehr gut und diffus vernetzt sind

… seit durchschnittlich drei Jahren bloggen

… Jugendbücher, Romane, Fantasy und Krimis und Thriller bevorzugen

… ein gutes Händchen mit Büchern haben bzw. von ihren Büchern begeistert sind und

… trotz dieser hohen Vernetzung ihren individuellen Lesestil bewahrt haben.

Das, was ich ausgewertet habe, bestätigt den ersten Eindruck, den man bekommt, wenn man so durch die Blogs klickt. Was ich an dieser Bloggosphäre allerdings sehr schätze, ist die hohe Bandbreite, mit der sie aufwartet und die nicht sofort in Erscheinung tritt. Gefühlt gibt es wirklich für jeden Lesegeschmack einen Blog. 

Gleichzeitig ist sehr viel Bewegung in der Szene, was für Blogs natürlich ganz typisch ist. Täglich kommen neue Blogs in die Topliste und täglich verschwinden auch wieder verwaiste Blogs. Seitdem die Topliste vor zwei Jahren an den Start ging ist sie stetig gewachsen. Ich bin überzeugt, dass das Resumé von meiner ersten Auswertung noch immer gilt: Die Buchbloggosphäre ist ein diffuses Netzwerk, in dem die Blogger hervorragend untereinander vernetzt sind und es keine einzelnen Knotenpunkte gibt, die diese Szene beherrschen oder dominieren. Ein sehr schönes und perfektes Netzwerk, wie es sein sollte.

2 |  Sie veröffentlichen auch monatlich aktualisierte Toplisten deutscher Buchblogger. Wie entstehen diese?

Als ich mit dem Bloggen angefangen habe, war ich neugierig, wie die Blogosphäre der Buchblogger aufgebaut, vernetzt und strukturiert ist. Dazu habe ich mir ein paar kleinere Skripte geschrieben, welche die Blogs genauer analysieren. In einigen Beiträgen habe ich dazu meine Ergebnisse veröffentlicht (sie sind auf lesestunden.de unter Topliste  Analyse der Buchblogosphäre zu finden). Die Topliste wird mit Hilfe von einem node.js basierten Skript erzeugt, das alle Blog URLs einer Liste entnimmt und die einzelnen Seiten abscannt, Verlinkungen prüft, Metadaten der Seite ausliest, das Alter der Seite bestimmt und den Moz Rank ermittelt. Als Ranking für die Bekanntheit innerhalb der Buchbloggerszene habe ich die Anzahl an Links von anderen Blogs herangezogen. Die globale Bekanntheit eines Blogs wird mit dem Moz Rank bewertet. Diese beiden Werte werden normiert und miteinander zu einem Score Wert zwischen 0 und 1 verrechnet. Dieser bestimmt dann das Ranking innerhalb der Topliste.

3 | Ihre Auswertungen ergaben, dass die meisten Bücher mit 4 oder mehr Sternen bewertet werden. Woran liegt das? Rezensieren Blogger nur Bücher, die sie mögen, oder fehlt es hier an Kritik?

Aus meiner Sicht liegt das an der Ausrichtung und in der Natur von Blogs. Diese werden von buchbegeisterten Privatpersonen betrieben, die keinerlei wirtschaftlichen oder kulturellen Interessen verfolgen. Zumindest der Großteil betreibt einen Buchblog einfach aus Freude am Lesen und um sich über Bücher auszutauschen. Da wird vielleicht auch einmal ein Buch schlecht bewertet, aber primär greift jeder zu den Büchern und Autoren, wo bereits ziemlich klar ist, dass sie begeistern. Und diese Begeisterung wollen Buchblogger untereinander und mit der Welt teilen. Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen ist, Buchblogs mit Literaturkritik in Verbindung zu bringen, aber es verhält sich hier ähnlich wie mit Dokusoaps im linearen Fernsehen und den Vlogs im Netz. Das erste Format lebt von Konflikten zwischen den Teilnehmern, in Vlogs zeigen die Leute ihre Welt, wie sie sich schön eingerichtet haben und was ihnen darin gefällt. Es ist ganz natürlich, dass Letzteres positiver ausfällt.

4 | Bereits zu Beginn Ihres eigenen Blogs äußerten Sie Zweifel (zum Artikel): Bücher sagen viel über ihre Leser aus und noch mehr über Blogger, die darüber schreiben. Auch wenn einen die Risikolebensversicherung vielleicht nicht an der Anzahl gelesener Thriller hochstuft, wie Sie schrieben, sei diese Frage in Zeiten von Big Data und digitaler Überwachung relevant. Wie sehen Sie die Konsequenzen zum Datenschutz nach zwei Jahren bloggen?

Durch den schleichenden Prozess der Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche, ist Datenschutz ein Thema, über das sich jeder Gedanken machen sollte. Wir hinterlassen an so vielen Stellen Spuren, die oft unvermeidbar sind. Das Bedürfnis nach dem Schutz eigener Daten ist ganz unterschiedlich ausgeprägt und eine Frage, die sich jeder selbst stellen muss. Ein Blog ist eine sehr extreme Form, denn was hier veröffentlich wird ist für jeden, wirklich jeden sichtbar. Gleichzeitig ist ein Blog aber auch sehr gut kontrollierbar und ermöglicht es einem, das eigene Außenbild bewusst zu steuern. Ich habe mit meinen Rezensionen und meinen Texten einiges von mir Preis gegeben, was ich allerdings sehr gut überblicken kann und was für mich auch vertretbar ist. Themen wie meine politische, religiöse, familiäre oder sexuelle Einstellung bzw. Situation, also alles, was zum Kernbereich meiner Persönlichkeit gehört, ist etwas, das keinen Raum auf meinem Blog einnimmt und ich konsequent ausgeklammert habe. Ich bin mir sicher, dass ich meine Besucherzahlen durchaus steigern könnte, wenn ich viel persönlicher werde. Wenn ich über meine Person schreibe, was mich beschäftigt, was ich aktuell mache. Aber das würde mir zu weit gehen und ist aus meiner Sicht auch nicht notwendig. Ich möchte mich ja über Bücher austauschen, nicht über mein Leben. Noch immer rezensiere ich nur einen Teil der Bücher die ich gelesen habe. Es gibt eine ganze Menge Bücher, die ich online nirgends erwähne. Datenschutz und Bloggen (oder auch Social Media) lassen sich durchaus ein Einklang bringen.

5 | Haben Sie einen Buchtipp für uns?

Ach nicht nur einen. Eine ganze Reihe und viele davon sind auf meinem Blog zu finden. Speziell für Autoren kann ich „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas und „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss sehr empfehlen. Beide nutzen so ziemlich jedes Mittel um den Leser zu ködern. Angefangen von einem Wissensvorsprung für den Leser, bis hin zum Umschmeicheln der Eitelkeit des Lesers, wird hier alles geboten. Und wer mit dem tolino unterwegs ist, dem kann ich die gesammelten Werke von Balzac, Maupassant, Dumas oder Tolstoi empfehlen. Die gibt es zum Schnäppchenpreis und die alten Meister sind einfach klasse.

Vielen Dank Tobias Zeising für das Interview und die Buchtipps!

Patricia Gentner

Patricia Gentner

Patricia Gentner liebt Gespräche über ePublishing und die Indie Szene – somit ist die geborene Wienerin genau richtig im Team von tolino media. Als Teamleiterin freut sie sich Selfpublishing im Buchmarkt voranzutreiben.
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