Der Wahrheit auf der Spur – Experteninterviews

Der Krimi- und Thrillerautor Burkhard Rüth möchte, dass seine Romane trotz künstlerischer Freiheit realistisch sind. Auch, wenn die Realität manchmal verrückter ist als die Fiktion. Deshalb führt er ausführliche Interviews mit für die Story notwendigen Experten. Hier teilt er seine Erfahrungen, die er bei diesen Interviews macht.

 

Die Realität in TV-Krimis

Ich sehe gerne Tatort. Und es ist für mich nicht wichtig, dass die Geschichte immer haargenau der Realität entspricht. Jeder Polizist verdreht die Augen, wenn Max Ballauf in Köln alleine zu einem Verdächtigen geht oder wenn Charlotte Lindholm in Hannover einen potenziellen Mörder gleich bei sich zuhause aufnimmt, weil sie von seiner Unschuld überzeugt ist. Mich stört diese Art der Realitätsverzerrung nicht. Sie mindert nicht meinen Krimigenuss. Wenn aber Klaus Borowski mitten auf der Kieler Hochbrücke mit seinem VW Passat liegenbleibt, weil das alte Ding ihn im Stich lässt, er dann aussteigt, seine Dienstwaffe zückt und sein untreues Gefährt „standrechtlich erschießt“, geht mir das doch etwas zu weit.

 

Die Realität im Roman

Ähnliches gilt für Krimis, die ich lese. Auch hier finde ich ein Mindestmaß an Realitätsbezug erfreulich. Um diesem Anspruch selbst zu genügen, führe ich bei meinen Romanen Interviews mit teils hochrangigen Experten und Wissenschaftlern, am liebsten in meiner Nähe, um mich persönlich treffen zu können. Denn manchmal nimmt ein Gespräch einen gänzlich unerwarteten Verlauf. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Wenn persönliche Treffen nicht möglich sind, helfen aber auch Telefonate und E-Mails der Wahrheitsliebe auf die Sprünge.

 

Kann man solche Leute einfach so ansprechen?

Ja! Und ich mache dabei immer dieselbe Erfahrung: Diese Menschen haben selbst großen Spaß dabei, ihr Wissen mal auf so gänzlich andere Weise zu teilen. Die Absagen, die ich bislang bekommen habe, kann ich an den Fingern einer Hand abzählen. Und ich habe schon mit sehr vielen Experten gesprochen. Bei meinen bislang fünf Krimis – einem Emslandkrimi und vier Südtirolkrimis – habe ich zunächst mit Kommissaren gesprochen, mit deutschen und mit italienischen. Denn es gibt große Unterschiede zwischen den Rechtssystemen bzw. dem Aufbau der Polizei in diesen Ländern. Der Südtiroler Commissario hat mich sogar zu einem kleinen Einsatz mitgenommen. Natürlich nichts Gefährliches, nur ein Gespräch mit einer Ärztin. Aber so hautnah dabei zu sein, macht nicht nur Spaß, sondern hilft ungemein, die Arbeit der Polizei besser zu verstehen. Ebenso wichtig finde ich bei einem Krimi aber auch den Rechtsmediziner. Ich hatte einen hervorragenden Berater, der mir seine Arbeit erklärt und mir zu so manch „perfektem Mord“ verholfen hat. In „Sterbenslang“ geschieht mit den Opfern, wie der Titel schon erahnen lässt, so manch Unschönes. Und was ein Rechtsmediziner dazu sagen kann, übersteigt das, was ich mir selbst hätte vorstellen können.

 

Wie finde ich die richtigen Experten?

Experten findet man, indem man herumfragt oder durch eine schlichte Internetrecherche. Denn diese Leute sind ja in der Regel recht bekannt und dementsprechend leicht zu finden. Am anspruchsvollsten finde ich die Auswahl der Experten. Welches Wissen benötige ich für welche Szenen? Klar, bei einem Krimi kommt man sofort auf die Polizei und den Rechtsmediziner. Aber wen spreche ich an, wenn ich ein Entführungsopfer habe und wissen will, was die Entführung psychologisch mit ihm macht und wie sich das Verhältnis zwischen Entführer und Opfer entwickelt? Dann steht eine etwas aufwändigere Recherche am Anfang. Aber mit den richtigen Suchbegriffen findet man schließlich den passenden Experten. Bei zwei meiner Südtirolkrimis hat mich ein Südtiroler Abenteurer beraten. Er kennt sich gut mit der Bergfront im Ersten Weltkrieg aus und hat vor einiger Zeit einen riesigen Goldfund in den Alpen gemacht. Mit ihm habe ich häufiger gesprochen, u.a. auf einer gemeinsamen Bergtour. Ich habe ihn gefunden, weil er ein Buch über den Gebirgskrieg geschrieben hat.

 

Bei einem mehrteiligen Endzeitthriller sind allerdings erheblich mehr Experteninterviews nötig. Für „VIRUS – Der letzte Anschlag“ kam eine wahrlich illustre „Wissenschaftsrunde“ zusammen: ein Schiffsexperte, ein Virologe, ein Klimaforscher, ein Vulkanologe. Darüber hinaus Professoren der Volkswirtschaft, ein Islam- und Friedensforscher, ein Atomspezialist, ein Soldat der Bundeswehr und schließlich das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Viel Aufwand, aber auch viel Spaß. Und das Ergebnis ist ein großer Realitätsbezug, auch wenn ich mir selbst nicht hätte vorstellen können, dass man eine ganze Insel im Meer versinken lassen könnte.

 

 

Wie bereite ich mich auf ein Gespräch vor?

Ich weiß vor jedem Gespräch, dass mein Gegenüber in seinem Fachgebiet so ziemlich alles weiß und ich so gut wie nichts. Also kann ich mich nur bedingt auf das Gespräch vorbereiten. So wusste ich etwa, dass ich ein Virus brauche, das sich gentechnisch verändern lässt, höchst gefährlich ist und sich schnell verbreitet. Im Grunde war das schon alles, was ich zu diesem Gespräch mitgenommen habe. Aber das reichte, um den Fachmann zu höchster Kreativität zu animieren. Nach diesem Gespräch hatte ich das „perfekte Virus“ und hätte ein Impulsreferat über die Arten von Viren und ihre Gefährlichkeit halten können.

 

Wissenschaft und Kreativität

Da war doch noch die Sache mit dem unerwarteten Gesprächsverlauf. Manchmal gehe ich mit meinen Notizen zu einem Experten, um z.B. über einen Mord zu sprechen. Oder über den Golfstrom oder über Viren. Doch dann erfahre ich, dass meine Idee höchst unrealistisch ist. Doch noch bevor Frust aufkommen kann, entwickelt der Experte eine ganz andere Idee. Eine realistische Idee. Und plötzlich nimmt die ganze Geschichte einen völlig anderen Verlauf! Menschen, die so tief in einer Materie stecken, können eine unglaubliche Kreativität entwickeln. Ein Autor bzw. eine Autorin sollte sich also nicht scheuen, den Gesprächspartner um eigene Ideen zu bitten.

Bei meinem Thriller bin ich noch einen Schritt weitergegangen: Weil ich trotz der Fachinterviews teilweise noch unsicher war, habe ich einige der Experten gebeten, die entsprechenden Passagen meines Textes fachlich zu prüfen. Keiner hat abgelehnt. Und ihre Kommentare und Änderungen haben mir gezeigt, wie gut es war, sie auch noch um diesen großen Gefallen zu bitten. Dass diese Menschen in den Danksagungen stehen und signierte Bücher geschenkt bekommen, ist selbstverständlich.

Abschließend kann ich nur jedem Autor und jeder Autorin raten, sich so viel fachliche Unterstützung zu holen wie möglich. Scheuen Sie sich nicht, diese Menschen anzusprechen. Sie werden Ihnen gerne helfen! Ihre Geschichte wird umso glaubwürdiger. Und es macht auch noch viel Spaß.

 

Weitere Informationen zu Burkhard Rüth und seinen Büchern finden Sie auf seinen Websites: www.virus-buch.de, www.burkhard-rueth-krimis.de und www.emons-verlag.de/autoren/burkhard-rueth

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Experteninterviews gemacht? Lassen Sie es uns wissen und schreiben Sie einen Kommentar!

 

Kurzbiographie


Burkhard Rüth, Jahrgang 1965, wurde in Hagen/Westfalen geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und war viele Jahre als freiberuflicher Berater und Fachautor tätig, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Der Autor lebt mit seiner Familie in Kiel.

Angela Baur

Angela Baur

Angela Baur kennt die Buchbranche seit vielen Jahren. Ob digital oder analog - sie liebt eBooks gleichermaßen wie Bücher. Ihre Erfahrung sammelte sie bei zwei großen Buchhändlern in Deutschland. Als externe Mitarbeiterin unterstützt sie das tolino media Team im Online-Marketing und bei der Betreuung des Blogs sowie der Webseite.
Angela Baur

Letzte Artikel von Angela Baur (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar