Autorin Andrea Instone

Autorin des Monats: Andrea Instone

Andrea Instone ist die Agatha Christie des Selfpublishings. Ihre Krimis spiegeln die Seele der 1920er bis 1940er Jahre wider und sind mit ihrer jungen Ermittlerin doch spritzig und einzigartig. Aber auch Fantasy-Romane entspringen ihrer Feder sowie ihre eigenen Cover. All das und noch mehr gibt es in diesem Interview.


In deiner Reihe rund um Fräulein Schumacher ermittelt die junge Dame furchtlos im Deutschland der 1920er Jahre. Warum hast du dich für diese Epoche entschieden? Wie gestaltest du das Setting deiner historischen Kriminalromane? Wie und wo recherchierst du hierfür?

Ich war etwa vierzehn Jahre alt, als mir zum ersten Mal Modezeichnungen der 1920er in die Hände fielen. Ich zeichnete sehr gerne und hatte bislang eine Vorliebe für weit ausladende Reifröcke und opulente Rokokoroben bewiesen. Doch die scheinbare Schlichtheit und das ganz andere Frauenbild, das diese Mode mit sich brachte, waren mir trotz meines jungen Alters seltsam vertraut.

Zur selben Zeit las ich nichts anderes als entweder Klassiker von Madame de Lafayette bis Elizabeth von Arnim oder aber Kriminalromane von Agatha Christie, Margery Allingham, Patricia Wentworth und Josephine Tey, hörte dazu Swing und zeichnete wagemutige Ermittlerinnen (ohne zu ahnen, dass ich eine solche einmal nicht nur malend aufs Papier bringen würde). Meine Vorliebe wurde noch gesteigert, als im Fernsehen die Serie „Detektei Blunt“ anlief, gedreht nach den Romanen Christies, in denen Tommy und Tuppence Beresford die Hauptrollen spielten. Die Mode, die Themen, der Witz – herrlich! Das hat mich bestimmt geprägt: Bis heute gehören für mich Kriminalromane in die 1920er – 40er und nicht ohne Grund verliebt sich auch mein Fräulein Schumacher in einen Mr. Beresford, der optisch der Filmfigur sehr, sehr ähnlich ist. In meiner Vorstellung zumindest, ich möchte der Leserin da nichts vorschreiben.

Meine ästhetische Vorliebe aber ist nur ein Grund. Der andere ist etwas weniger munter: Wir alle wissen, wie die Aufbruchstimmung der 1920er eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg war und unterging in der Weltwirtschaftskrise. All das, was für uns Frauen in diesen Jahrzehnt gerade erst seinen Anfang nahm, löste sich auf in einer Diktatur, die zu viele zu lange nicht als solche begriffen.

Und das ist, was mich an dieser Zwischen-Zeit interessiert: Sie war wechselhaft, optimistisch, düster, alltäglich, glamourös. Das nicht überwundene Kriegstrauma, Erinnerungen an die nicht so ferne Kaiserzeit und Anklänge des kommenden Nationalsozialismus, Erfolge der Frauenrechtlerinnen, junge Männer, die nichts mehr wissen wollten von heldenhafter Männlichkeit, andere Männer, die an den neuen Freiheiten der Frau verzweifelten, verrückte Erfindungen, Vergnügungslust, wilde Tänze und Ströme von Alkohol, Armut allerortens und Luxus mittendrin, ein neues politisches System und die Überforderung mancher Bürger damit – das bildet für mich das perfekte Panoptikum menschlicher Eigenheiten und Verhaltensweisen. Da hinein schicke ich mein Fräulein Schumacher zu gerne und lasse sie daran wachsen und sich entwickeln.

Zu guter Letzt gibt es noch einen dritten Grund: Ich finde eine Ermittlung wesentlich spannender, wenn Telefonate und Bildfunk noch etwas Besonderes sind, wenn mein Kommissar zu Fuß sich eilen muss, um eine Gefahr zu bekämpfen, und Ergebnisse nicht im Handumdrehen vorliegen.

Was die Recherche anbelangt und das Setting: Ich habe viele Frauen kennengelernt, die in dieser Dekade groß wurden oder sogar schon ihre erste Liebe erlebten. All deren Erzählungen fließen unbedingt mit ein.

Da meine Geschichten fast alle in Bonn spielen, die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, fällt es mir leicht, das rheinische Lebensgefühl von heute in die Zeit meiner Großeltern zu übertragen. Dazu besitze ich einige Einwohnerbücher, eine gute Handvoll Briefe und Tagebücher aus dieser Zeit und bin außerdem historisch relativ fit – was ich nicht mehr genau weiß, lese ich nach. Außerdem nutze ich das Internet ausgiebig für die Nachrichten, die meinem Fräulein Schumacher bekannt gewesen sein mussten. Es gibt zu meinem Glück sehr gute Onlinearchive, in denen ich mich mit der Reklame, dem Tratsch und Klatsch und den politischen Debatten einer jeden Woche vertraut machen kann.

 

Du schreibst auch Fantasy-Romane. Wie bringst du die beiden Genre unter einen Hut? Fließt manchmal, bewusst oder unbewusst, ein wenig von Einem ins Andre, oder ist alles strikt getrennt?

Sobald ich einen Roman abgeschlossen habe, gönne ich mir eine Woche Pause, in der ich Cover herstelle, endlich auch einmal wieder lese oder einfach nur viel schlafe. Sobald ich die nächste Geschichte beginne, bin ich mittendrin, sitze mit meinen Figuren gemeinsam auf dem Sofa und kann mir gar nicht vorstellen, je wieder etwas anderes zu schreiben.

Strikt trennen aber kann ich nicht: In fast allen Serien tauchen altbekannte Figuren der anderen Romane auf. Ich vernetze sehr, sehr gerne, das macht mir Freude.

Das Schöne an verschiedenen Genres ist ja, dass ich alle Ideen verwenden kann, die mir beim Duschen, beim Spazierengehen oder im Schlaf kommen. Was soll man denn auch tun, wenn einem eine kühle Vampira auf die Schulter tippt und erklärt, es werde Zeit, sie zu erwähnen? In einem Krimi der 1920er nähme sie sich doch seltsam aus. In einer historischen Fantasygeschichte hingegen kann sie sein, wer sie ist, also mache ich mich an die Arbeit, bevor ich gebissen werde. Ähnlich ist es mit Albernheiten: In meinen Kriminalromanen geht es auch einmal lustig zu, aber nicht jede skurrile Idee hat dort ihren Platz, will ich nicht kaltschnäuzig mit den Opfern umgehen. Weshalb also nicht alle schadenfrohen Romanzen und zuckersüßen Gemeinheiten in eine einzige Geschichte packen und meine Heldin Lily durch einen Parcours der Widersinnigkeiten jagen? Mit unterschiedlichen Genres kann ich alles ausleben, was mir Freude macht.

 

Deine Cover haben einen einzigartigen Stil und heben sich deutlich von anderen ab. Kannst du uns etwas zu der Geschichte dahinter erzählen?

Ich nehme »einzigartig« mal als Kompliment 🙂 Heben sie sich deutlich ab? Das weiß ich nicht, dazu bin ich zu dicht dran an meinen Covern, als dass ich das erkennen könnte.

Was nun deren Entstehung anbelangt, so hat Daniel Seebacher von tolino media ganz entscheidend dazu beigetragen: Als ich Emmas ersten Fall herausgab, da dachte ich an ein schlichtes Cover mit einer Art Tapetenmuster. Das sei wohl hübsch, so erklärte er mir, aber es wäre doch besser, man könne auf den ersten Blick sehen, um was es ging. Und da es eben kein Tapetenmusterbuch war, folgte ich seinem Rat.
Ich habe eine sehr große Sammlung alter Schnittmusterhefte in meinem Besitz und scannte eine junge Dame ein, die für mich nach Fräulein Schumacher aussah. Dazu spendierte ich ihr ein Bild der Bonner Uni, ein kräftiges Blau und eine altmodische Schrift. Schaue ich mir das Cover heute an, so bin ich Daniel sehr dankbar, dass er mich nicht gleich entmutigt hat, sondern meinte, das ginge doch in die richtige Richtung. Von da an saß ich alle vier oder fünf Monate bis zum frühen Morgen – und das ist leider nicht übertrieben – am Laptop und korrigierte, änderte, gestaltete.

Und lerne noch immer mit jeder Version etwas dazu: Welches Element zeigt die Grundstimmung des Romans an? Welches das Genre, welches das Subgenre? Welche Schrift passt zu Zeit, Geschichte und Genre? Wie kann ich mit ihr spielen? Wie schaffe ich Tiefe? Was sagt die Farbe aus? Wo sollte die wichtigste Info stehen, wohin sollte der Blick fallen?

So ist aus einem recht bunten und etwas zu fröhlich wirkenden Cover nach über zwei Jahren eines geworden, das meiner Meinung nach perfekt zu meiner Geschichte passt. Dazu ist das Coverbauen meine Methode des Ideennotierens: Während ich die Figuren bearbeite, lerne ich ihren Charakter kennen, und wenn ich nach passenden Schriften, Fotos und Farben suche, formt sich die Geschichte weiter aus. Diese Arbeit ist für mich so wichtig, dass ich noch immer – gegen jeden klugen Rat – darauf verzichte, sie aus dem Haus zu geben. Es ist durchaus möglich, dass ich mittlerweile bekannter oder reicher wäre, würden meine Cover mehr dem Trend folgen, aber ich bringe es nicht über mich, meine eigene Vorliebe beiseitezuschieben. Wenn meine Titelbilder auch nicht perfekt sind, so liebe ich sie doch sehr.

 

Warum hast du dich für tolino media entschieden?

Es ist ja mittlerweile der dritte Anlauf, den ich nehme, und es wird auch der letzte sein. Hier bin ich und hier bleibe ich.
Den ersten Roman hatte ich zeitgleich bei Amazon und tolino media eingestellt. Und er lief über die tolino-Allianz doch um einiges besser an. Ich hatte mir, ehrlich gesagt, keine großen Gedanken gemacht und wäre zufrieden gewesen, hätte auch nur eine einzige Leserin zugegriffen. Dann setzte ich mich an den zweiten Roman und ahnte schon, dem würden noch weitere folgen.

Ich schrieb also und tat etwas Dummes: Ich sah mich um und las in Foren mit, die sich mit dem SP beschäftigen. Ich las von Strategien und Zahlen und Flops und Rängen und Profi-Covern und Marktanalyse und Rezensionen. Und alle schienen sich einig, dass nur eine Teilnahme an Amazons Exklusivprogramm zu guten Ergebnissen führen könne. Das nagte und knabberte an mir. Ich mit meinen hundert Verkäufen war ja gar nix, ich war ja eine Versagerin, die keine Ahnung und alles falsch angefangen hat.

Also versuchte ich es einmal mit dem amerikanischen Gemischtwarenhändler. Und wurde durchaus belohnt, denn meine Umsätze gingen hoch. Das war dann doch schön, obwohl ich nicht des Geldes wegen mit dem Schreiben angefangen hatte.

Aber wieder nagte es: Mir gefiel es im Grunde gar nicht, mich an einen einzigen Anbieter zu binden, der dazu ein nicht immer lupenreines Geschäftsgebaren an den Tag legt. Wankelmütig, wie ich war, ging ich noch einmal zu tolino media. Lieb wurde ich begrüßt und einige schöne Aktionen suchte man mir heraus. Doch dann bot mir Amazon die Teilnahme am Prime Reading an – was, wie alle sagten, das beste Angebot überhaupt ist. Ja, das lief ganz gut und die Umsätze hätte ich gerne immer. Aber es nagte und knabberte dennoch an mir.

Am Ende habe ich im Januar meine endgültige Entscheidung getroffen, die gleichermaßen von Verstand wie Gefühl getragen war: Innerhalb weniger Wochen habe ich sämtliche Romane aus dem Exklusivprogramm genommen und bei tolino media eingestellt, denn ich mag mich nicht mehr an nur einen Anbieter binden und damit NutzerInnen anderer Lese-Ökosysteme vernachlässigen.

Vor allem aber möchte ich mit den Menschen arbeiten, die mir sympathisch sind. Ich schätzte den Umgangston ebenso wie die Kompetenz und den unglaublichen Einsatz, den alle tolino-media-MitarbeiterInnen bringen. Herz und Humor fehlen ebenfalls nicht und wenn ich auch ein kleiner Fisch im großen Teich bin, bin ich jetzt doch zufrieden und werde das Konzept nicht mehr ändern.
Danke dafür!


Weitere Informationen zu Andrea Instone und ihren Romanen findet ihr auf ihrer Website und in ihrem Newsletter.

Laura Kühbauch
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