Drama

Drama, Baby! Zwischen Dürer und Drehbuchschreiben

Wenn wir an Dramen denken, dann kommen uns oft die Werke unserer Schulzeit in den Sinn. Von Goethe und von Shakespeare. Früher waren die Dramatiker große Stars, heute sieht man von den modernen Drama-Autoren kaum noch ein Werk im Bücherregal.

Natürlich, ein Drama wird hauptsächlich für die Bühne geschrieben oder heutzutage vor allem für Film und Fernsehen. Als J. K. Rowling in 2016 ihr Drama „Harry Potter und das verwunschene Kind“ in Buchform herausbrachte, spaltete die ungewohnte Form die Leser. Daher stellt sich die Frage, kann man Dramen überhaupt lesend genießen oder muss man unbedingt die Aufführung sehen?

Ich finde, Lesen reicht durchaus. Mein Lieblingsbuch aus der gesamten Schulzeit war „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind und ich hatte keinerlei Probleme, mich vollkommen in diese Geschichte zu verlieben, obwohl ich sie eine Zeitlang nur auf dem Papier kannte. Später dann habe ich die Transkripte von Serien gelesen, deren neue Folgen hierzulande noch nicht liefen (vor Streaming und Co.) und obwohl die Musik fehlte, die Schauspieler und das ganze Drumherum, entstand die jeweilige Episode vor meinem inneren Auge.

Was macht ein Drama überhaupt aus?

Das Drama ist eine der drei literarischen Gattungen (die anderen sind Prosa und Poesie) und zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Geschichte lediglich mit Hilfe von Dialogen und knappen Regieanweisungen erzählt. Das heißt, wenn Hamlet nicht gerade einen langen Monolog über seine Gefühlswelt hält, erfahren wir nichts über seine Gedanken. Anders als im Roman kann der Leser nicht in den Charakter hineinschauen und erhält auch keine Interpretation des Geschehenen. Viel eher ist es wie im wahren Leben: man erfährt lediglich das, was man sieht und hört.

Die große Kunst des Dramas ist es, all diese Gefühle und Beziehungen, den inneren und den äußeren Konflikt allein durch Dialoge auszudrücken. Die Gefahr ist dabei größer, dass der Charakter missverstanden wird. Deshalb ist es als Autor wichtig, welchen Dialog man zwischen Charakteren wählt, was man seinen Figuren in den Mund legt und auch wann sie lieber schweigen. Wo man im Prosatext noch mit leicht gestelzten Ausdrücken wegkommen kann, sind natürliche Dialoge im Drama unabdingbar.

Geheimwaffe Kopfkino

Im ersten Moment liegt der Gedanke nah, dass Dramen unnahbarer sind, weil es eine größere Distanz zu den Figuren gibt. Anders als in der Prosa hat man nur einen begrenzten Zugang zu ihrer Gefühlswelt. Dabei sind Dramen die ultimativen „Show, don’t tell“ Beispiele, denn der Leser erfährt nur so viel, wie er erfahren würde, wenn er im echten Leben danebenstehen würde. Dennoch funktionieren Dramen, denn sie fördern auf ganz besondere Weise das Kopfkino.

Man möchte meinen, dass nur eine ausführliche Beschreibung voller Sinneseindrücke ein prächtiges Bild im Kopf malt. Dem ist nicht so. Erstaunlicherweise wird das menschliche Gehirn bei einem Drama dazu angeregt, die Lücken selbst zu füllen und das oft prächtiger, als Worte beschreiben könnten. Anstatt es quasi vorgekaut zu bekommen, dreht man seinen eigenen Film.

Aber warum?

Hin und wieder bekomme ich die Frage, warum ich „Ashuan“ denn als Drama geschrieben habe und nicht als Prosa, die doch so viel einfacher zu vermarkten gewesen wäre. Ich kann nur für mich sprechen, aber es macht einfach unheimlich Spaß, Drama zu schreiben, denn diese Form bringt eine solch unglaubliche Dynamik mit sich, die man in Romanen kaum findet. Die Szenen sind kürzer, lediglich auf das Nötigste beschränkt und jede einzelne von ihnen endet mit einem kleinen „Umpf“ – sei das ein Twist oder ein denkwürdiges Zitat oder einfach dieser Moment, in dem der Regisseur Schnitt rufen würde. Nicht, weil die Schauspieler es versaut haben, sondern weil die Szene an dieser Stelle am Stärksten ist.

Dramen sind altmodisch, öde und langweilig? Mit diesem Irrtum räumt Janna Ruth gründlich auf! Der Schriftstellerin gelingt es mit „Ashuan“, frischen Wind in diese Gattung zu bringen. – die Buchlilie (Juli 2017)

Zugleich wird die Geschichte in einem viel schnelleren Erzähltempo erzählt. In jeder Szene passiert etwas, oder sie wäre nicht da. Es gibt keine langen Atempausen, in denen verhältnismäßig wenig geschieht. Dadurch wird jede einzelne Folge rasant und packend. Auch wenn ich gerne Romane schreibt, erfüllt mich das Dramaschreiben mit Energie. Und die kommt beim Leser an.

Wenn ihr also Dramen in der Schule oder später nicht absolut dröge fandet, dann gebt euch einen Ruck, sucht euch ein modernes Drama (es gibt sie!) und lest mal rein. Die Chancen stehen hoch, dass ihr Kopfkino pur erfahrt.

Janna Ruth veröffentlichte 2017 ihr Debüt „Tanz der Feuerblüten“ beim Ueberreuter Verlag, bevor sie wenige Monate später mit der Märchenspinnerei das Abenteuer Selfpublishing bestritt. Ihre Märchenadaption „Im Bann der zertanzten Schuhe“ gewann 2018 den SERAPH-Phantastikpreis für den besten Independent-Titel. Seit 2018 lebt Janna in Neuseeland und widmet sich dort auch dem englischen Buchmarkt. An ihrer eigenen Serie „Ashuan“ arbeitet Janna Ruth seit 2002. Seit Juli 2018 erscheint die Urban Fantasy Serie regelmäßig.

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