Bingereading: Serien in Buchformat

Heutzutage kommt kaum einer am Bingewatching vorbei. Unsere Gastautorin Janna Ruth überlegt, wie man seinen Buchserien den Bingereading-Faktor verpasst.

TV-Serien schaffen jahrelange Fans, die mit den Charakteren über mehrere Staffeln mitfiebern, sich im Internet austauschen, aber auch auf der ständigen Suche nach neuen Serien sind. Buchserien stehen den TV-Serien in nichts nach. Was ihnen an Schauspielern, coolen Sets und tragender Filmmusik fehlt, machen sie mit Vorstellungskraft und anregendem Kopfkino wieder wett. Im Gegensatz zu Reihen, welche oft Akte einer längeren Geschichte oder abgeschlossene Werke in einem Universum sind, bestehen Serien aus einer Vielzahl kürzerer Episoden, die sich in 1-2 Stunden lesen lassen.

In den letzten ein, zwei Jahren erlebten Buchserien, welche man am ehesten mit Heftromanen vergleichen kann, in Deutschland einen wahren Auftrieb. Wenn ich in die aktuelle Projekteliste meiner Autorenkollegen schaue, entdecke ich bei 50% von ihnen das Konzept für eine Serie.

Warum eigentlich? Was macht Buchserien für Autoren so attraktiv? Die Antwort ist relativ einfach: Man kann deutlich mehr Zeit mit seinen liebevoll erschaffenen Charakteren verbringen, größere Welten und noch komplexere Plots erstellen. Nebenhandlungen sind nicht länger etwas, was man vielleicht doch lieber rauskürzen sollte, sondern was die Serie am Leben erhält.

Weitere Vorteile des Serienkonzepts sind kürzere Einzelepisoden und regelmäßige Updates, was wiederum zu einer langfristigen Leserbindung führt. Im Gegensatz zu einzelnen Romanen bedeuten sie aber auch deutlich mehr Zeitaufwand, quasi eine jahrelange Investition in ein einzelnes Projekt. Welche Geschichten sich dafür eignen, ist letztendlich Geschmacksache. Von Krimiserien über Fantasy bis hin zu Dystopien ist eigentlich alles vertreten.

Aufbau einer Serie

Eine gute Serie erfordert einiges an Planung, denn nichts ist schlimmer, als eine Endlosserie, die nirgendwo hinführt. Im Gegensatz zu TV-Serien, die nach Einschaltquoten produziert oder abgesetzt werden, hat man hier einen großen Vorteil. Auch Buchserien sind natürlich vom Erfolg abhängig, mit einem guten Plan bestehen aber gnädigere Konditionen, die ein würdiges Ende möglich machen.

Grundsätzlich besteht eine Serie aus drei Ebenen:

  • Die Serienhandlung – Worum geht es? Wo führt das alles hin? Das große Finale!
  • Die Staffelhandlung – Ein Antagonist, große Entwicklungsschritte, Themenkomplexe
  • Die Episodenhandlung – Das „Monster der Woche“ (auch: Fall/Problem), kleine Schritte, Einzelthemen

Im Idealfall greift eine Episode alle drei Ebenen auf und verwebt sie geschickt miteinander. Das „Monster der Woche“ könnte vom Antagonisten geschickt worden sein, der wiederum Teil einer größeren Verschwörung ist. Die Möglichkeiten sind endlos.

Jede einzelne Episode ist dabei eine Minigeschichte. Das heißt, sie braucht einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Am besten beschränkt man sich dabei auf zwei Konflikte: einen persönlichen und einen äußeren Konflikt. Dabei reflektiert das „Monster der Woche“ idealerweise den persönlichen Konflikt einer oder mehrerer Figuren. Die Auflösung des Konflikts wiederum sollte entweder nur durch eine Weiterentwicklung des Charakters möglich sein oder eben diese bewirken. Im Grunde kann man sich das Ganze wie ein riesiges Puzzle vorstellen, bei dem sich die einzelnen Szenen, Episoden und Staffeln zu einem größeren Ganzen fügen.

Der Bingereading-Faktor

Was ist es an Serien, dass man sie so viel leichter verdauen und deshalb schnell hintereinander schauen oder lesen muss? Zum einen sind es die handlichen Portionen. Eine Episode kann man schnell mal zwischendurch schauen/lesen, während man sich für einen Film/Roman Zeit nehmen muss. Die kürzeren Episoden führen dabei oft zu einer rasanteren Erzählung, die die Geschichte besonders dynamisch werden lässt. Eine Reihe von Mini-Cliffhangern am Ende jeder einzelnen Szene tut ihr übriges, um den Leser mitzureißen und die Episode regelrecht zu verschlingen.

Zu guter Letzt bieten Serien eine Art Instant-Befriedigung. In Serien ist keine Zeit für einen langsamen Aufbau oder für ausgedehnte Mittelteile. Jede Episode muss liefern. Deshalb gibt es quasi am Laufband neue Entwicklungen, Auflösungen und nervenaufreibende Spannung und es ist genau diese Art der Instant-Befriedigung zusammen mit offenen Fragen und Cliffhangern, die Leser wie Zuschauer bei der Stange hält und sehnsüchtig auf die nächste Episode warten lässt.

Janna Ruth veröffentlichte 2017 ihr Debüt „Tanz der Feuerblüten“ beim Ueberreuter Verlag, bevor sie wenige Monate später mit der Märchenspinnerei das Abenteuer Selfpublishing bestritt. Ihre Märchenadaption „Im Bann der zertanzten Schuhe“ gewann 2018 den SERAPH-Phantastikpreis für den besten Independent-Titel. Seit 2018 lebt Janna in Neuseeland und widmet sich dort auch dem englischen Buchmarkt. An ihrer eigenen Serie „Ashuan“ arbeitet Janna Ruth seit 2002. Seit Juli 2018 erscheint die Urban Fantasy Serie regelmäßig.

Gastautor

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