Wie macht man Recherche? (Teil 2)

Im zweiten Teil seines  Gastbeitrags verrät uns Bestseller-Autor Klaus Seibel, wie er für seine Bücher recherchiert und welcher Versuchung man auf gar keinen Fall nachgeben sollte. 

Wie macht man Recherche?

  1. Die andauernde, allgemeine Recherche

Ich schreibe über die Themen, die mich interessieren, also lese ich auch dazu. Ich habe einige Zeitschriften mit den passenden Themen abonniert (eine gute Gelegenheit, etwas steuerlich abzusetzen, was man sowieso gerne liest). Wenn ich dabei auf etwas Besonderes stoße, notiere ich es mir. Ich führe eine Excel-Tabelle, die ich etwas großspurig „Wissensdatenbank“ nenne. (Ein gutes Notizbuch geht bestimmt auch.) In die trage ich ein Stichwort ein und wo ich darüber gelesen habe. Wenn ich später beim Schreiben beispielsweise eine besondere Waffe brauche, muss ich nur die entsprechende Tabelle aufrufen und bekomme mehr Ideen, als ich verwenden kann, inklusive der Verweise auf den Ort für Detailinformationen.

  1. Die spezielle Recherche

Die mache ich zu einem konkreten Roman, zu einem speziellen Thema oder einem bestimmten Ort. Die Möglichkeiten dazu sind dank des Internets enorm – aber meistens beginne ich mit einem Buch. (Setzen Sie den dicken Bildband über die Gegend, in der ihr nächster Roman spielt, von der Steuer ab.) Gerade heute habe ich mir ein Buch über die Antarktis bestellt, weil sie in meinem nächsten Roman eine wichtige Rolle spielen wird. Darin werde ich erfahren, wie man eine Expedition ausrüstet, worauf man bei einer Reise dorthin achten muss und ich werde garantiert jede Menge Informationen bekommen, die mich vor dummen Fehlern bewahren und mir dafür einen Berg an Ideen bringen. Genauso habe ich mir das Buch eines renommierten Juristen besorgt, der sich mit mittelalterlichen Foltermethoden auseinandergesetzt hat, als ich zwei Thriller darüber geschrieben habe. Jetzt können sich meine Leser über viele Details freuen, zu denen sie in Rezensionen schreiben: Das habe ich ja noch gar nicht gewusst … (Darüber freut sich dann der Autor.)

Dieses Informations-Fundament reichere ich anschließend mit allem an, was ich im Internet finde. Es gibt keinen Ort, den ich nicht mit Google-Maps besuche, bevor ich darüber schreibe. Ich wandere mittels Street-View durch die Straßen und ich sehe mir die dazugehörigen Fotos an. In manche Gebäude können Sie sogar virtuell hineingehen. Aus Reiseberichten erfahre ich, wie sich das Meer anfühlt, wie das Essen schmeckt und welche Überraschungen passieren können. Zu wissenschaftlichen Themen gibt es über Wikipedia hinaus jede Menge allgemeinverständliche Artikel und immer auch gute Videos auf Youtube. (Achtung: Hier muss man aufpassen, dass man die Recherche nicht als Ausrede verwendet, um gerade jetzt nicht schreiben zu müssen! Hinter Recherche verstecken, gilt nicht!)

„Und wo bleiben die Recherchereisen?“, fragen Sie vielleicht enttäuscht. Ich weiß, dass manche Kollegen sie gerne machen. Und wenn auch Sie Spaß daran haben, dann tun Sie sich keinen Zwang an. Reisen Sie, was das Zeug hält, und setzen Sie jeden möglichen Cent ab. Der Staat bietet diese Möglichkeit, und dann dürfen Sie sie auch ohne schlechtes Gewissen nutzen. Ich selbst verzichte auf Recherchereisen. Ich habe zurzeit nicht das Gefühl, dass mir die aufzuwendende Zeit so viel mehr Gewinn für die Geschichte bietet, dass sich der Aufwand lohnt. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht ist es ja gut, sich durch eine Recherchereise einmal für die viele Arbeit zu belohnen, die das Schreiben einer Geschichte erfordert. Neben dem Spaß, den das Schreiben natürlich machen sollte.

Zum Schluss: Geben Sie der Versuchung nicht nach

Ich kenne das: Da hat man Stunden, Tage und vielleicht noch viel mehr investiert. Man hat die tollsten Sachen herausgefunden und weiß bis ins Kleinste Bescheid. Der Kopf ist voll von begeisternden Informationen – und das möchte man alles dem Leser mitteilen. Bloß nicht!

Genauso wie eine Suppe zu fade sein kann, kann man sie durch ein Zuviel auch versalzen. Recherche ist immer nur Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist (jedenfalls bei mir): Ich möchte meinem Leser ein mitreißendes Leseerlebnis schenken. Er soll berührt und begeistert sein. Alles, was dazu dient, ist gut; alles, was das behindert, muss weg. Ein Zuviel an Informationen und Details kann das Leseerlebnis genauso trüben, wie ein Zuwenig. Und erst recht darf nicht der Geruch entstehen, dass der Autor nur mal zeigen will, wie toll er recherchiert hat. Aber das wollen Sie bestimmt nicht, weshalb Sie ein paar kritische Testleser einschalten werden, die Ihnen mit ehrlichen Rückmeldungen helfen, das richtige Maß für eine wunderbare Geschichte zu finden, worüber die Leser dann am Ende schreiben: „Davon wollen wir mehr lesen.“

Info: Klaus Seibel hält an unserem Stand auf der Leipziger Buchmesse 2018 eine Inforunde zu Recherchemethoden. Freitag, 16. März, 11:00 Uhr bis 12:00 Uhr.


Autorenvita

Klaus Seibel lebt in der Nähe von Frankfurt. Er hat Theologie studiert, arbeitete als Manager in einem Softwarehaus und ist seit 2014 hauptberuflich Schriftsteller. Er hat zwei Bücher bei Verlagen veröffentlich, sich dann aber ganz aufs Selfpublishing konzentriert. 2009 gewann er den Krimipreis der Frankfurter Neuen Presse, 2017 war er der erste Selfpublisher, der von ALDI für ein gedrucktes Buch angefragt wurde und von dem ein E-Book ins Easyjet Entertainment-Programm aufgenommen wurde. Er schreibt Thriller und Science Fiction mit wissenschaftlichem Hintergrund, wozu er jedes Mal ausführliche Recherchen vornimmt.

Weitere Information unter kseibel.de

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One thought on “Wie macht man Recherche? (Teil 2)

  1. Als Sachbuchautor kenne ich noch das Problem des Beendest einer Recherche. Insbesondere bei historischen Sachbüchern. Ich denke immer, vielleicht kommt doch noch ein schönes Stück, welches unbedingt noch ins Buch muss. Und ehe ich mich versehe, ist schon wieder zu viel Zeit ins Land gegangen.

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