5 Fragen an Johannes Zum Winkel

Seit über 25 Jahren in der Medienbranche tätig, eine Ausbildung zum Integralen Coach und ganz viel Liebe zu den neuen Medien – das ist Johannes Zum Winkels beruflicher Werdegang im Schnelldurchlauf. In allen Unternehmen, in denen er tätig war, war der digitale Umbruch ein zentrales Thema seiner Arbeit. Unter anderem war er als Geschäftsführer bei Bertelsmann tätig. Mittlerweile betreibt er zwei reichweitenstarke eBook-Empfehlungsseiten sowie eine Agentur für kreative Beratung.

 

1 I Sie betreiben zwei Seiten für eBooks: xtme.de und ebookbiene.de Wie unterscheiden sich diese?

eBookBiene ist entstanden, weil Kunden bei mir anfragten: kannst du auch etwas ganz speziell für meine Tolino-eBooks machen? Bei xtme.de liegt der Schwerpunkt bei Kindle, eBookBiene soll ganz direkt nur Tolino-Besitzer ansprechen. Gute Bücher können über eine eBookBiene-Bewerbung inklusive Facebook-Kampagne auch durchaus gute Chartpositionen etwa bei thalia.de erreichen.

 

2 I Welche Kriterien sind entscheidend für eine erfolgreiche Kampagne – ist es der Preis, die Reichweite oder reicht ein gutes Cover?

Geld, Lautstärke und Verpackung reichen für erfolgreiches Marketing nicht aus. Am wichtigsten ist das Produkt selbst: ein gutes, spannendes und sauber lektoriertes Buch – das eine mitreißende, bewegende, unterhaltsame oder dramatische Geschichte erzählt. Denn für die Kaufentscheidung im Shop zählt vor allem ein gutes „Sternchenergebnis“ aus den Rezensionen zufriedener Leser. Schlechte Rezensionen machen ein Buch unverkäuflich, egal wie viel Geld man für Werbung ausgibt.

Aus diesem Grund sehe ich mir alle Bücher, für die bei mir für Marketingsaktionen gebucht werden, an – und schicke manchen Autor zurück ins Lektorat oder zum Scriptdoctor.

Zweites Kriterium ist ein Cover, das qualitativ mit den Top-Titeln im passenden Genre mithalten kann. Drittes Kriterium ist ein aussagekräftiger Titel, der im Genre sinnvolle Emotionen weckt. Viertes Kriterium ist ein ansprechender Klappentext, der dem anvisierten Leser deutlich, klar und anregend mitteilt, was er da für ein Buch kaufen kann. Fünftes Kriterium ist ein im Genre-Umfeld wettbewerbsfähiger Preis; wobei ein „Schnäppchenpreis“, der einen Kaufanreiz auslöst, immer unter diesem „wettbewerbsfähigen“ Preis des Buches liegen sollte.

Hat man alle (!) fünf Kriterien (gutes Produkt, gutes Cover, gutenTitel, guter Klappentext, passender Preis) für das eigene Buch erfüllt, kann man an die Werbeplanung gehen …

 

3 I Wie plant man diesen Erfolg? Haben Sie für uns ein paar Praxistipps?

Der erste Schritt, den ein Autor unternehmen sollte, ist der Weg zum Händler. Wie präsentiert der Händler die eBooks? Wie sehen die Genrelisten aus? Wie rezensieren Leser? Wo möchte ich mit meinem eBook stehen? Passt mein Buch überhaupt in dieses „Regal“ beim Händler? Kann es sich gegen die Konkurrenz behaupten, wenn ich mir Titel, Cover, Umfang und Rezensionen ansehe? Erfülle ich die Erwartungen, die Leser an Bücher in meinem Genre stellen?

Um es platt zu sagen: ein 30-seitiger „Fantasyroman“ mit selbstgemaltem Cover wird es im Genre „Fantasy“ sehr schwer haben. Es wird sehr viel Geld kosten, einen solchen Titel in ein gutes Ranking zu bringen – Geld, das man niemals wieder mit diesem Buch verdienen wird.

Lernen über „Versuch und Irrtum“

Im zweiten Schritt sollte ein Autor sich über seine Zielgruppe im Klaren sein. Spricht er mehr weibliche oder männliche Leser mit seinem Titel an? Passt diese Zielgruppe mit den Rezensionen vergleichbarer Bücher im Shop zusammen?

Hat ein Autor diese Schritte unternommen, weiß er, wie er seine künftigen Leser ansprechen muss. Das kann über Social Media, über Facebook-Anzeigen, Werbung über Buchempfehlungsseiten wie xtme.de oder Bücherblogs geschehen.

Und jetzt der wichtigste Praxistipp für Autoren: lernen Sie aus ihren Aktionen, passen Sie sie an, finden Sie über „Versuch und Irrtum“ zu Ihren Lesern!

 

4 I Welche Genres sind erfolgreich? Lohnt sich die Orientierung in Nischenthemen?

Den größten Anteil im Buchmarkt machen die Leserinnen aus, laut einer Umfrage der „Stiftung Lesen“ sind 70 % der „Vielleser“ weiblich. Diese „Vielleser“ haben das eBook entdeckt und angenommen. Leserinnen bestimmen also die eBook-Bestsellerlisten, sie geben vor, was in den unterschiedlichen Genres gut läuft. Egal ob Liebesroman, Thriller, Sci-Fi oder Sex: am besten verkaufen Bücher, die Emotionen, Gefühle und die Entwicklung von Menschen beschreiben. „Kalte“ Storys, die Action, Rätsel oder reine Handlungsabläufe in den Vordergrund stellen, haben es grundsätzlich schwerer im eBook-Markt. Je stärker man „in die Nische“ geht, desto wichtiger wird es, seine Leser gut zu kennen; ihre Sehnsüchte, Fragen und Nöte zu verstehen und dauerhaft und kenntnisreich zu beantworten.

In Nischen kann man großen Erfolg haben – und gleichzeitig wenig verdienen. Es kommt immer auf die absolute Größe und Zahlungsbereitschaft der interessierten Kundenschar an.

 

5 I Die Diskussion um die Buchpreisbindung ist in vollem Gange. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Wie würde sich das Fallen der Buchpreisbindung auf das Buchmarketing auswirken?

Grundsätzlich will der Gesetzgeber verhindern, dass ein Händler Bücher (gedruckt und elektronisch) zu Dumpingpreisen anbietet, und damit den Urheber (Autor und Verlag) schädigt. Also wird auch in Zukunft der Autor/Verlag seine Preise selbst festlegen – und damit auch seine Preismarketing-Maßnahmen selbst bestimmen.

Ist ein Indie-Autor sein eigener Verlag?

Ich gehe davon aus, dass sich mit der aktuellen Anpassung des Preisbindungsgesetzes grundsätzlich gar nichts ändert – jetzt ist es definitiv verboten, dass „verlagstypische“ elektronische Bücher versteigert oder billig aus dem Ausland angeboten werden können. Aber diese Regeln wurden ja auch bisher eingehalten oder auf dem Klageweg gestoppt.

Laut Bundestagsbeschluss fallen Bücher, die Autoren selbst unter Nutzung „spezialisierter Plattformen“ veröffentlichen, nicht unter die Buchpreisbindung – sie sind offensichtlich nicht „verlagstypisch“. Aber was bedeutet „verlagstypisch“?

Hier hat der Gesetzgeber wieder mal ein verschleierndes und vielfältig auslegbares Wort eingebaut. Sind „verlagstypische“ Bücher „vom Verlag“? Oder „ähnlich wie“ vom Verlag? Oder so produziert wie vom Verlag? Ist ein Indie-Autor auch ein Verlag, nämlich sein eigener? Oder ist der Indie kein „typischer Verlag“? Sind bald die unzählbaren Indie-Verleger vielleicht gar „verlagstypischer“, als die in geringerer Zahl auftretenden „klassischen Verleger“?

Sollte das Preisbindungsgesetz für ihn nicht mehr gelten, dann muss ein solcher „Indie-Publisher“ keinen festen Preis für sein Buch festlegen, der von allen Händlern zu erfüllen ist. Er darf sein Buch zum Beispiel auf verschiedenen Shops zu unterschiedlichen Preisen anbieten und auch versteigern. Wie Amazon damit umgehen wird, scheint mir klar: es wird sich nichts ändern, der Autor legt den Preis für sein Buch fest und das wars. Findet Amazon das Buch woanders zu einem anderen Preis, passt Amazon seinen Preis an. Schließlich hat sich Amazon schon vor fast zehn Jahren mit Apple und anderen globalen Playern auf eine Preisbindung ihrer angebotenen eBooks geeinigt.

Interessanter wird es bei der Tolino-Allianz: werden Sie dann erlauben, dass ein Autor sein Buch bei Thalia für eine Aktion um 99 Cent und gleichzeitig zum Beispiel bei Weltbild um 3,99 € anbietet? Oder dass einzelne Shops selbsttätig die Preise von eBooks aus dem Selfpublisher-Tolino-Angebot anpassen, weil Indie-Tolino-eBooks keine „verlagstypischen“ Produkte sind? Das dürfte einen Aufschrei der Autoren-Verleger ergeben …

Wie es der Gesetzgeber so schön sagt: Details und Auslegung des Gesetzes werden in der Folge die Gerichte entscheiden. Ich bin auf jeden Fall neugierig, was „verlagstypisch“ bedeuten wird.

 

 

Angela Baur

Angela Baur

Angela Baur kennt die Buchbranche seit vielen Jahren. Ob digital oder analog - sie liebt eBooks gleichermaßen wie Bücher. Ihre Erfahrung sammelte sie bei zwei großen Buchhändlern in Deutschland. Als externe Mitarbeiterin unterstützt sie das tolino media Team im Online-Marketing und bei der Betreuung des Blogs sowie der Webseite.
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